In Hessen finden am 27. Januar Wahlen statt. An diesem Tag sind die wahlberechtigten Bürger des Bundeslandes aufgerufen, sich für eine neue Zusammensetzung ihres Landtags in Wiesbaden zu entscheiden. Für den Posten des Ministerpräsidenten kandidieren Amtsinhaber Roland Koch von der CDU und seine Herausforderin, die SPD-Frau Andrea Ypsilanti. Zum ersten Mal in der hessischen Geschichte lieferten sich beide ein Rededuell im Fernsehen. Eine gute Gelegenheit, mal einen Blick auf das relativ neue Medienformat zu werfen.
Duelle sind in Deutschland eigentlich verboten. Zu- mindest die Sorte von Zweikämpfen, bei denen sich die Kontrahenten gefährlicher Waffen bedienen und ihren Streit um die persönliche Ehre letztgültig entscheiden wollen. Erlaubt sind hingegen gleichnamige Wettkämpfe im Bereich des Sports und natürlich die beliebten Kochduelle im Programm zahlreicher Fernsehanstalten. Bewaffnet mit Kochmesser und Suppenlöffel wird dort allabendlich um die Wette geschnipselt und gebrutzelt. Am Ende entscheidet eine Jury aus Profiköchen oder ein Tribunal ausgewählter Zuschauer, wer die Disziplinen „Vorspeise, Hauptgericht und Dessert“ für sich entscheiden konnte.
Und in der Politik? Im Parlament gibt es zwar hitzige Debatten und kämpferische Streitgespräche, aber einen echten Duell-Charakter haben diese Ereignisse nur selten. Häufiger finden sich solche Formate kurz vor Wahlen, wenn die Spitzenkandidaten der Parteien versuchen, die Bürger für ihre Ideen und Vorhaben zu begeistern. Dafür kleben sie Plakate, werben mit kurzen Spots in Radio und TV oder präsentieren sich in einer der vielen politischen Talkshows. Und: Sie gehen immer häufiger ins Fernsehstudio, um sich zu duellieren. Natürlich geht es auch dort stets unblutig zur Sache – gekämpft wird nicht mit Säbel oder Pistole, es zählt einzig das treffsichere und überzeugende Argument.

Als Geburtsstunde der TV-Duelle gilt das Aufeinandertreffen der beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon und John F. Kennedy im Jahr 1960. Endgültig durchgesetzt hat sich das Debatten-Format aber erst in den 70er Jahren. Seit jener Zeit ist es fester Bestandteil der amerikanischen Wahlkämpfe.
In Deutschland waren es Gerhard Schröder (SPD) und Edmund Stoiber (CSU), die sich im Jahr 2002 zum ersten Mal in einem so genannten Kanzlerduell gegenüberstanden und damit dem Format eine gewisse Prominenz verliehen. Drei Jahre später sorgten dann Gerhard Schröder (SPD) und Angela Merkel (CDU) mit ihrer Fernseh-Debatte für hohe Einschaltquoten.
Ganz neu war die Organisation eines Rededuells hingegen für die Redakteure des hessischen Rundfunks. Bis zum 20. Januar hatten sie solch ein Fernsehformat vor einer Landtagswahl noch nie ausprobiert. Dementsprechend spannend war die Premiere auch für Chefredakteur und Moderator Alois Theisen und seine Kollegin Claudia Schick.
Wie Schiedsrichter im Boxring mussten sie dafür sorgen, dass das Reglement eingehalten wurde und der Redestreit fair ablief. So bekam jeder Kandidat das gleiche Kontingent an Redezeit zugeteilt. Ein Statement sollte eine Minute und 15 Sekunden nicht überschreiten. Für den Fall, dass ein Redner sein Zeitkonto deutlich überziehen würde, verdeutlichte Moderatorin Claudia Schick die Folgen gleich zu Beginn der Diskussion: „Sobald einer der Duellanten mehr als eine Minute Vorsprung hat, greifen wir ein!“
Aber bevor es im Studio1 des hessischen Rundfunks so richtig losgehen konnte, gab es zuvor den obligatorischen Fototermin. Unzählige Fotografen drängten sich vor der Studiokulisse, um mit ihren Kameras einen guten Blick auf die Protagonisten zu erhaschen. Am Rednerpult auf der linken Seite war Ministerpräsident Koch platziert. Ihm gegenüber, also auf der rechten Seite, befand sich seine Herausforderin Ypsilanti. Dazwischen die Tische der beiden Moderatoren sowie ein Monitor, der die Redezeit der Kandidaten anzeigte.

Nach wenigen Minuten Blitzlichtgewitter besaß schließlich jeder sein begehrtes Bild und die Fotografen verließen zufrieden das Studio. Das erste hessische Fernsehduell konnte starten. Eine schnelle Begrüßung zu Beginn, bevor Frau Ypsilanti und Herr Koch mit zwei kurzen Einspielfilmen vorgestellt wurden. Es folgten acht Themenblöcke, auf die sich die beteiligten Parteien schon Wochen zuvor mit den Fernsehmachern geeinigt hatten. Zuerst kam die Bildungspolitik dran. Und da ging es auch gleich zur Sache. Während die SPD-Herausforderin dem Ministerpräsidenten vorwarf, dass seine Schulpolitik „gescheitert“ sei und sie deswegen für „kleinere Klassen und mehr Lehrer“ plädiere, konterte der CDU-Politiker scharf. Mit ihm als Ministerpräsidenten seien schließlich 4300 neue Lehrer eingestellt worden - er sehe sich deswegen „auf einem guten Weg“. Wenig versöhnlich gaben sich die Kontrahenten auch bei den Themen Integration, Verkehrpolitik, bei Fragen der Energiegewinnung, Jugendkriminalität und Familienpolitik. Am Ende debattierten beide Politiker noch um die richtige Finanzpolitik. Hier konnten sie vorrechnen, für welche Projekte sie Geld ausgeben wollen und wo sie in Zukunft lieber sparen möchten.

Aber nicht nur in der Arena der Duellanten ging es spannend zu. Ein Blick ins benachbarte Studio offenbarte eine ebenso eindrucksvolle Szenerie. Dort befand sich nämlich der offizielle Pressebereich, in dem rund 50 Journalisten den Meinungsstreit auf einer großen Leinwand gespannt verfolgten. Mit Schreibblock und Stift oder vor der Tastatur des Laptops wurden eifrig Notizen gemacht und Gestik und Mimik der Kandidaten genau analysiert. Denn neben den Redner-Qualitäten interessierte die Beobachter auch, wie ein Kandidat wirkt: Kann die SPD-Politikerin die Zuschauer überzeugen? Wippt der Ministerpräsident unsicher von Fuß zu Fuß oder wirkt er stets kompetent und gut vorbereitet? - Fragen, über deren Antworten sich die Fachleute nicht immer ganz einig waren.
Im Anschluss an eineinhalb Stunden engagierten Debattierens, stellten sich die beiden Kontrahenten nochmals den Fragen der Journalisten. „Chill-Out ist etwas anderes“, fasste Roland Koch das anstrengende Rededuell zusammen, zeigte sich aber dennoch hoch zufrieden mit dem Verlauf der Diskussion. Dem konnte Andrea Ypsilanti nicht widersprechen als sie betonte, sogar ein bisschen „Spaß und Freude“ am Wettstreit empfunden zu haben.
Die spannende Frage nach dem Sieger des Duells ist übrigens schwer zu beantworten. Viele Journalisten, die am Tag danach in ihren Zeitungen über das Fernsehereignis berichteten, urteilten mit einem Unentschieden. Die Pressesprecher der Parteien sahen das natürlich ganz anders und beanspruchten erwartungsgemäß den Sieg für ihren Kandidaten. Und die Zuschauer vor den Bildschirmen? Die können noch überlegen – schließlich müssen sie ihre Entscheidung erst am Wahltag treffen.
(für: Deutscher Bundestag / Mitmischen.de)